Cheerleader Valley Prolog: Final Cheer

»Du hast mit Til geschlafen?« Ich schaute Lisa überrascht an und hoffte, dass meine Antwort nicht zu seltsam oder gar belehrend klang. Immerhin kommt es nur einmal im Leben vor, dass einem die beste Freundin erzählt, dass sie das erste Mal mit ihrem Freund … dass sie das erste Mal überhaupt diesen Schritt gegangen ist. »Und … und war es schön?«, fragte ich, tief in der Mottenkiste von Clichés grabend.

»Ja, das war es«, antwortete Lisa, während wir weiter die von Laternen gut beleuchtete Straße entlanggingen.

»Na ja. Dann sollten wir jetzt aber die Satzung von unserem ›Die Jungfrauen der Kristallseestraße‹-Klub ändern. Irgendwie möchte ich nicht das einzige Mitglied sein.« Lisa lachte und nickte – und ich freute mich für sie. Ich freute mich wirklich, auch wenn mir auf einmal auffiel, dass ich Lisa und Til bisher nie so richtig als Einheit wahrgenommen hatte und ich Til eigentlich auch nicht so richtig kannte. Das war schon alles ein bisschen komisch, denn immerhin hatte Lisa ja bereits eine halbe Ewigkeit für Til geschwärmt und die beiden waren jetzt auch schon eine Weile zusammen. Hm? Aber hey! Was sollte es? Lisa war glücklich und zwischen ihr und Til lief es anscheinend sehr, sehr gut. Was wollte ich mehr?

Lisa lief langsamer, hielt mich an der Hand und blieb stehen. Ich drehte mich zu ihr und sah sie an. »Katrin, ich…«, begann sie vorsichtig, »…ich wusste nicht wann und wie ich es dir heute Abend sagen soll. Vielleicht ist der Nachhauseweg ein bisschen spät, aber da Wikhard gerade erst mit dir Schluss gemacht hat, weil … weil du nicht … weil du nicht mit ihm wolltest, da ist das doch irgendwo blöde, wenn ich dir jetzt von Til und mir erzähle. Bitte sei nicht böse.«

»Hey, warum soll ich dir denn böse sein. Nur weil ich mit einem Idioten zusammen war, musst du doch nicht unglücklich oder nicht mit Til zusammen sein. Bitte bekomme jetzt meinetwegen kein schlechtes Gewissen. Dafür gibt es wirklich keinen Grund«, sagte ich zu Lisa und drückte ihre Hand.

Damit war also das buchstäbliche Stichwort gefallen: Wikhard George! Was für eine Story. Und ihr könnt es euch wahrscheinlich schon denken. Na? Richtig! Wikhard war mein Ex. Mein erster Ex, um genau zu sein. Das machte es besonders schmerzhaft. Ich meine, ich war überrascht und geschmeichelt, als er mich vor ein paar Wochen gefragt hatte, ob wir nicht mal zusammen ins Kino gehen möchten. Ich hatte bis dahin ehrlich nicht gedacht, dass sich jemand wie Wikhard für mich interessieren könnte. Denn er sah echt toll aus: großer, leicht muskulöser Körper; gepflegte, kurz geschnittene schwarze Haare und stahlblaue Augen, die vor sich hinstrahlen. Hinzu kam, dass er mit seiner angenehmen Stimme nicht nur in ganzen Sätzen, sondern sogar in ganzen Absätzen sprechen konnte. Also! Weshalb um alles in der Welt hätte ich da ›nein‹ sagen sollen? Nee, nee, nee!

Na gut, das erste Date mit ihm hatte zwar den kleinen Haken, dass ich ihn abholen musste, da er für einen Monat nicht Auto fahren durfte, weil er eine rote Ampel überfahren hatte. Aber was sollte es? So ein Ding mit einer blöden roten Ampel kann doch schließlich jedem mal passieren. Außerdem machte Wikhard sonst einen extrem umsichtigen Eindruck und wusste wirklich immer, wie man sich zu benehmen hat. Deshalb war die Sache, dass wir meinen Wagen nehmen mussten, wirklich kein Showstopper.

Nach diesem ersten Abend trafen wir uns dann so drei bis vier Mal die Woche, wobei mich Wikhard meist in irgendwelche Kinospätvorstellungen schleppte, mit Horrorfilmen, deren Namen ich in der Regel noch nie gehört hatte. Machte aber nichts, denn ich konnte ja wegsehen, wenn es mir zu blutig wurde. Außerdem war mir als Fotografiestudentin schon klar, dass dort auf der Leinwand nur eine Horde D-Klasse Schauspielteenies erbärmlich schreiend vor einer Kamera rumstürzten – mit Kunstblut im Gesicht und Gummimessern in der Hand. Also ganz, ganz ehrlich, das war alles ziemlich lustig und Wikhard und ich hatten eine schöne Zeit – allerdings nur bis sich genau vier Wochen später dann doch noch ein mieser Showstopper blicken ließ.

Erst war da alles schön wie immer. Wir sind essen gegangen, um zu feiern, dass Wikhard gerade seinen Führerschein wiederbekommen hatte. Nur schien er an diesem Abend von Anfang an nicht nur abwesend und unaufmerksam, sondern sogar leicht genervt zu sein – meinetwegen, wie er nicht vergaß, mir ständig zu signalisieren. Die alles erklärende Bombe platzte dann, nachdem wir den Nachtisch bestellt hatten. Wikhard sagte mir recht selbstsicher, dass unsere Beziehung jetzt bereit für den nächsten Schritt sei, womit er meinte, dass wir nach dem Essen zu ihm fahren und zusammen ins Bett gehen sollten. Wusch! Das kam überraschend, aber … aber ja, vielleicht erklärte das sein seltsames Verhalten. Vielleicht war er nur selber nervös und unsicher. Ich meine warum soll es den für einen Jungen einfach sein, diese Frage zu stellen? Klar wuselte da sicher im Moment einiges in seinem Kopf herum. Also hatte ich die Hoffnung, alles wieder hinbiegen zu können. Ich legte meine Hand auf seine und sagte ihm, dass ich einfach noch nicht so weit sei. Dabei betonte ich wirklich das ›noch‹ und nicht das ›nicht‹. Und ich versuchte, geschmeichelt zu klingen. Was ich auch war. Nur schien das Wikhard nicht zu reichen. Er meinte, dass das mit uns dann alles keinen Sinn mehr machen würde und nur noch reine Zeitverschwendung sei. Ohne mich antworten zu lassen, zog er fast angewidert seine Hand weg, rief den Kellner herbei, zahlte seinen Teil der Rechnung, stand auf und ging einfach weg. Ließ mich sitzen – natürlich ohne sich darum zu kümmern, wie ich nach Hause kommen würde, denn immerhin hatte er uns ja an diesem Abend ins Restaurant gefahren.

Nachdem ich nach Wikhards Abgang erst mal fünf Minuten einsam und regungslos durch meine Mousse au Chocolat ins Leere gestarrt hatte, bezahlte ich meine Rechnung (plus den Eisbecher, den Wikhard noch bestellt hatte und der zusammen mit der Mousse unangetastet zurückging) und kramte mein Handy aus meiner Handtasche, um Lisa anzurufen und sie zu bitten, mich abzuholen. Ich hatte wirklich keine Lust, vor einem fremden Taxifahrer loszuheulen, habe das aber natürlich ausführlich während der Rückfahrt in Lisas Auto und die ganze Nacht über in ihrem Zimmer nachgeholt. Als wir dann am folgenden Morgen beim Frühstück in Lisas Küche saßen, war ich ihrer Mutter sehr dankbar, dass sie meine Eltern angerufen und ihnen Bescheid gegeben hatte, dass ich bei Lisa übernachten würde. Und auch Mama und Papa waren so lieb, nicht ständig nachzufragen, warum genau ich mich jetzt wieder jeden Abend mit Lisa traf…

Ich ließ Lisas Hand wieder los, seufzte lächelnd, und wir gingen weiter entlang der Laternen, die den Bürgersteig der Kristallseestraße sanft beleuchteten. Die Absätze unserer Schuhe klackerten dabei rhythmisch auf dem trockenen Gehweg. »Wikhard hat sich einfach nur danebenbenommen«, sagte Lisa. »Er hat dich egoistisch ausgenutzt, Katrin. Als Chauffeurin missbraucht. Und wenn du … na ja, mit ihm hättest, dann hätte er mit Sicherheit kurz danach Schluss gemacht, der Mistkerl.«

»Ich weiß, aber dafür war der Kinobesuch eben wirklich schön«, sagte ich zu Lisa, nachdem wir bei meiner Haustüre angekommen waren. Der Abend hatte es verdient, auf einer positiven Note beendet zu werden, auch wenn ich spürte, dass meine Augen feucht wurden: teils, weil ich an Wikhard denken musste und daran, wie er mich vor drei Tagen behandelt hatte; aber auch teils, weil ich Lisa so unendlich dankbar war, dass sie als meine Freundin mit aller Selbstverständlichkeit immer für mich da war. »Und es hat eine Menge Spaß gemacht, zur Abwechslung mal wieder eine Komödie zu sehen.«

Lisa lachte. »Ja, die war lustig. Dann sehen wir uns morgen. Gleich zum Frühstück?«

»Gehen wir zu Starbucks? Ich hole dich um neun ab und lade dich ein? Bitte sag nicht ›Nein‹.« Die Einladung war wirklich das Mindeste, was ich für Lisa tun konnte.

»Um neun. Gerne. Geht klar … und danke.«

Während wir uns verabschiedeten, fing es an zu regnen. Ich stand zum Glück mit meinem Rücken nah genug an unserer Haustüre und bekam deshalb nicht viel von dem Regen ab – spürte ihn kaum. Aber Lisas erwischte es voll. Ihre Bluse war auf einmal vollkommen durchnässt und … ups … dadurch auch recht … uh … transparent geworden. Und weil sie an diesem Abend keinen BH trug (was eigentlich überhaupt nicht ihr Stil war), kam einiges drunter zum Vorschein. Ich überlegte kurz, ob ich etwas sagen und schnell reinlaufen sollte, um Lisa einen meiner Pullover zu holen, aber da sie in Sichtweite schräg gegenüber wohnte und auch keine seltsamen Typen betrunken die Straße entlang liefen, beschloss ich, Lisa erst am nächsten Tag dezent auf die Regentauglichkeit ihrer Kleidung anzusprechen. »Prima, dann also bis morgen«, sagte ich und winkte ihr mit den Fingern meiner rechten Hand zu, so wie ich es meist tue, wenn ich mich von jemandem verabschiede, den ich sehr mag und irgendwie zum Knuddeln finde.

Ich schaute noch, wie Lisa über die Straße lief, aber nachdem sie hinter einem parkenden weißen Lieferwagen verschwunden war, drehte ich mich um und schloss unsere Haustüre auf. Zum Glück musste ich nicht sonderlich leise sein. Mama und Papa waren zu Besuch bei alten Schulfreunden und würden erst sehr spät, oder besser gesagt erst früh am Morgen wieder nach Hause kommen. Auch um meine vier Geschwister musste ich mir keine Sorgen machen. Die beiden älteren waren schon im letzten Sommer ausgezogen und die kleinen Zwillinge hatten einen tiefen Schlaf. Auch ging ich davon aus, dass Janine, unsere Babysitterin, wahrscheinlich wieder beim Fernsehen oder beim Lernen auf der Couch im Wohnzimmer eingeschlafen war. Das war okay, denn irgendwie gehörte sie zur Familie und wir waren wirklich sehr froh, dass wir sie hatten und die kleinen Racker sie mochten.

Nachdem ich die Türe geöffnet hatte und reingegangen war, landete meine Hand automatisch auf dem Lichtschalter drinnen im Flur. Ich hörte das zu erwartende ›Klack‹, stand aber weiter vollkommen im Dunkeln. Na toll, dachte ich. Entweder ist der Strom in der ganzen Gegend ausgefallen oder die Sicherung im Keller rausgeflogen. Mal draußen schauen.

Ich drehte meinen Kopf nach hinten und blickte kurz durch die noch offene Haustüre. Da war alles in Ordnung: die Straßenlaternen brannten noch, herunterfallende Regentropfen ließen kleine Kreise aus Lichtstreifen auf der Straße aufploppen, und in dem einen oder anderen Nachbarhaus wurden die meist vor die Fenster gezogenen Gardinen durch das flackernde Licht eines laufenden Fernsehers angeleuchtet. Damit war dann wohl klar, dass nur unser eigenes Stromnetz den Geist aufgegeben hatte. So ein Käse! Schmollend ließ ich die Haustüre ins Schloss fallen und kramte mein Handy aus meiner Handtasche, um es als provisorische Taschenlampe zu benutzen. Ohne jede Vorwarnung durchleuchte eine Reihe von Blitzen den Flur. Ich zuckte und hielt mir die Ohren zu, als einige Sekunden später die Spiegel an der Wand durch das Donnern zu vibrieren begannen und mir so mitteilten, dass sie zumindest die lautesten im ganzen Land waren.

Immer noch leicht erschrocken lief ich zur Treppe, die in den oberen Teil des Hauses führte. Dort angekommen überlegte ich kurz, ob ich jetzt noch in den Keller gehen und die Sicherung wieder reinsetzen sollte. Nein, das soll Papa morgen machen. Ich finde auch im Dunkeln ins Bad und in mein Bett. Ja genau! Denn der Akku meines Handys zeigte drei volle Balken, also würde das Display noch eine Weile leuchten. Allerdings flackerte die Anzeige für die Signalstärke wild rauf und runter, und das Handy fand kein Netz mehr. Wahrscheinlich störte das Gewitter den Empfang. Aber egal. Ich wollte jetzt sowieso nicht mehr telefonieren. Nur noch unter die Kuscheldecke.

Als ich gerade meinen Fuß auf die erste Treppenstufe setzen wollte, spürte ich – platsch – wie etwas Warmes und Dickflüssiges von der Decke erst auf meine Wange tropfte und dann mein Kinn herunterrann. Ich wischte mir die ›was auch immer das war‹-Flüssigkeit mit dem Zeigefinger ab und betrachtete sie im leicht bläulichen Licht meines Handydisplays. Es war irgend so ein rotes Zeug. Vielleicht rostiges Wasser? Nein! Auf keinen Fall. Dafür war es zu zähflüssig und roch … bäh … igitt … irgendwie recht organisch. Eklig, aber eigentlich auch fast schon wieder okay, da ich damit einen Rohrbruch, auf den ich in dem Moment wirklich keine Lust hatte, ausschließen konnte.

Jetzt eher neugierig als besorgt leuchtete ich mit dem Handy nach oben, konnte aber auf der Tapete direkt über mir nicht viel mehr als einen dunkelroten, leicht glänzenden Fleck mit einem Durchmesser von vielleicht 40 cm erkennen. Nein, ein gefräßiger Blob ist das auch nicht. Außerdem ist nur die eine Stelle betroffen. Mehr nicht. Dann hat das wirklich Zeit bis morgen, dachte ich und schaute mich noch mal kurz um. Drei weitere Blitze zuckten durch die Fenster des Wohnzimmers und erhellten den Raum gerade in dem Moment, in dem ich in dessen Richtung blickte. Aber das Bild, das ich dort sah und das sich unwiderruflich in meine Netzhaut brannte, war ein Bild des Grauens: Janine lag regungslos auf der Couch. Einer ihrer Arme baumelte nach unten, gerade so weit, dass die Spitzen ihrer langen aber gepflegten Fingernägel (in die sie sich oft kleine Schmuckdiamanten einsetzen ließ) einen Millimeter über dem Teppichboden schwebten. Eine Krawatte war fest um ihren Hals geschnürt, ihre Zunge hing blau und aufgequollen aus dem rechten Mundwinkel heraus und ihre Bluse war so weit aufgerissen, dass ihre nackten Brüste zum Vorschein kamen. Ich wollte schreien, aber dann hörte ich zwischen den nächsten Blitzen und dem noch brutaler klingenden Donnern das Klackern unseres Haustürschlosses. Benebelt durch die Lichter und Schatten, die noch vor meinen Augen zuckten, drehte ich mich um und sah zum Eingang.

Ich konnte erst mal nichts erkennen. Alles schien ruhig. Aber nachdem sich meine Augen wieder mehr an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich, dass die Haustüre, die ich wirklich hinter mir geschlossen hatte, wieder einen Spalt offenstand und Laternenlicht hereinließ, das sich an der Tapete entlang stur seinen Weg zu unserer Garderobe bahnte. Es blitze erneut und eine Männerhand – deren vernarbte Finger ein langes, bluttriefendes Fleischermesser umklammerten – schoss ruckartig vor. Sie bewegte sich Richtung Lichtschalter und betätigte ihn dreimal: ›Klack‹ auf aus, ›Klack‹ auf ein, und wieder ›Klack‹ auf aus. Natürlich blieb es weiter dunkel im Flur, allerdings wurde mir schnell klar, dass der Besitzer dieser Hand nicht versuchen wollte, das Licht einzuschalten. Nein! Er wollte sicherstellen, dass es im Haus immer noch keinen Strom gab, da wahrscheinlich er es war, der die Flursicherung rausgedreht hatte. Na ja, und falls ihr mir nun sagen wollt, dass ich da gerade in einem ziemlich üblen Schlamassel steckte, dann habt ihr recht. Besonders weil die narbige Männerhand jetzt zwar wieder ein Stück zurückfuhr, dafür aber gleich darauf damit begann, die Türe weiter aufzuschieben.

Ruhe bewahren, Katrin, versuchte meine innere Stimme mich zu beruhigen. Du hast einen Vorteil. Das ist dein zu Hause. Du wohnst hier. Du kennst dich hier auch im Dunkeln bestens aus, dachte ich und rannte die Treppe hoch in mein Zimmer, um von dort aus nach unten auf die Straße zu klettern und Hilfe zu holen. Das würde sicher klappen und ich war noch nie so froh wie in diesem Moment, dass ich nur 1,55 m groß war und nur 50 kg wog. Ich würde keine Schwierigkeiten haben, durch das Fenster zu passen. Auch die Regenrinne würde mein Gewicht spielend tragen. Aber nein! Mein Plan war unvollständig. Die Zwillinge! Ich konnte meine kleinen Geschwister doch nicht mit dem Killer alleine im Haus lassen. Also drehte ich mich noch mal um, schoss in ihr Zimmer und leuchtete mit meinem Handy auf ihr Bett, um sie so schnell wie möglich zu wecken und notfalls in mein Zimmer zu schleifen. Aber ich kam zu spät. Was genau ich in dem Bett in der Mitte des Raumes sah, kann und möchte ich nicht beschreiben. Nur so viel: Jetzt wusste ich, woher die rote Flüssigkeit kam, die vorhin durch die Decke auf meine Wange getropft war. Ich wandte meinen Blick ab, spürte, dass mein Magen sich übergeben wollte, aber mein Wille, hier zu entkommen und dies alles zu überleben, war im Moment noch stärker. Dann hörte ich Schritte. Jemand kam die Treppe hoch. Ich ahnte, wer es war und was er von mir wollte.

Ich rannte zurück in mein Zimmer, riss die Türe auf, traute mich aber nicht zu versuchen, ob das Licht hier oben angehen würde, denn in diesen High-Tech U-Boot Filmen, die Lisa und ich früher oft mit Papa geschaut haben, wurde ja auch immer gesagt, dass man dem Feind nie preisgeben sollte, wo genau man sich befand. Die letzten paar Meter bis zum Fenster würde ich auch so schaffen. Außerdem bekäme ich es vielleicht nicht lautlos auf und da würde der Killer ohnehin früh genug wissen, wo ich war.

Am Fenster angekommen, schob ich es nach oben. Ich hatte Glück. Es gab keinen Laut von sich. Also beugte ich mich vor, um nach draußen zu klettern. Aber da sah ich Lisas regungslosen Körper auf dem Gehweg gegenüber liegen. Sie lag auf dem Bauch, allerdings war ihr Oberkörper von dem weißen Lieferwagen verdeckt, den ich vorhin schon gesehen hatte und dessen hintere Tür jetzt weit offen stand. Ich kniff die Augen zusammen, konnte aber nicht erkennen, ob Lisa noch lebte oder ob die Flüssigkeit, die an ihrem Körper entlang in Richtung Bordsteinkante floss, ihr Blut oder einfach nur Regenwasser war. Dafür waren die Straßenlaternen einfach nicht stark genug, und der weiter anhaltende Regen trug auch nicht dazu bei, dass ich besser sehen konnte.

Ich hörte ein Geräusch – ganz, ganz nah. Und auch wenn das jetzt sicher nicht so intelligent war, weil ich dadurch Zeit und Vorsprung verlor, schaute ich nach hinten. Da stand der Killer, keine fünf Meter von mir entfernt im Türrahmen. Er war groß … sehr, sehr groß. So vielleicht zwei Meter oder noch mehr. Sein Gesicht wurde von einer billigen Plastikmaske verdeckt, die so aussah, als hätte man dem Schauspieler Chris Pine das Gesicht mit weißer Farbe besprüht und die Haare ausgerissen. In seiner rechten Hand hielt der Killer immer noch das blutige Schlachtermesser und die Finger seiner linken umklammerten etwas, das aussah wie ein ovaler Fußball mit Perücke. Seltsam aber egal, denn ich wusste, dass dies nun meine letzte Chance war, lebendig zu entkommen. Also wollte ich mich wieder umdrehen, um durch das Fenster die Flucht zu ergreifen, aber da schwang der Killer seine linke Hand ruckartig nach vorne, ließ los und warf mir dieses komische, ovale Ding vor die Füße, wo es polternd und noch lange nach links und rechts wackelnd liegen blieb. Ich bewegte das Display meines Handys nach unten, um zu sehen, was genau es war. Aber zwei weitere Blitze kamen mir zuvor und ließen mich in aller Brutalität sehen, dass Lisas abgetrennter Kopf mit halb aus den Höhlen gepressten Augen vor mir lag. Lisa, meine beste Freundin, mit der ich schon im Kindergarten Buntstifte getauscht hatte, lebte nicht mehr.

Das war das Ende. Ich wollte nicht mehr. Gab auf. Konnte mich nicht mehr umdrehen, geschweige denn die Kraft aufbringen, anschließend noch durch das Fenster zu krabbeln.

Nur ein Augenblinzeln später stand der Killer direkt vor mir. Die Finger seiner jetzt freien linken Hand klammerten sich um meine Schulter, hielten mich fest und zogen mich langsam zur Seite. Mit der Klinge seines Messers, das er weiterhin in seiner rechten Hand hielt, zog er den Vorhang zu. Er wollte wohl keine Zuschauer. Allerdings machte er sich nicht die Mühe, das Fenster zu schließen. Warum auch? Entkommen konnte ich ihm nicht mehr, und auch wenn ich jetzt geschrien hätte, hätte niemand mehr rechtzeitig zu meiner Rettung kommen können.

Der Killer wandte seinen Blick vom Fenster ab und sah mich emotionslos mit seinen eigentlich nicht vorhandenen dunklen Augen an. Dann drückte er mich so fest und erbarmungslos gegen die Wand, dass ich mich keinen Millimeter mehr rühren konnte. Er hob seine rechte Hand, bewegte die Klinge seines Messer langsam und mit einer grausamen Eleganz auf mein rechtes Auge zu. Er hielt inne, ließ die Spitze des Messers nicht einmal einen zehntel Millimeter vor meinem Auge schweben und drehte die Klinge in die Waagerechte. Er sah mich weiter an, beugte seinen Kopf fast neugierig zur Seite, aber nichts geschah. Ich wartete. Atmete ein und aus … ein und aus … ein und aus …

Er stieß mit so viel Kraft zu, dass die Messerspitze aus meinem Hinterkopf wieder zum Vorschein kam, sich dort in die Wand bohrte und an ihr entlangkratzte, als er die Klinge hochinteressiert zur Seite zog und dabei erst mein rechtes Auge, dann mein Gehirn und zum Schluss mein linkes Auge sauber in zwei Teile schnitt. Ich wunderte mich, dass ich keine Schmerzen spürte. Stattdessen sah ich ein helles, gleitendes, immer stärker werdendes Licht und hörte das Rattern eines Zuges – eines Zuges, der mich von dieser in die nächste Welt bringen würde.

© Edgar Achenbach

 

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